Die Masse an Derivaten entspricht einem Vielfachen der weltweiten Wirtschaftsleistung. Dies schafft gefährliche Fehlanreize. Anstatt Risiken abzusichern, schaffen sie neue.
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Die Masse an Derivaten entspricht einem Vielfachen der weltweiten Wirtschaftsleistung. Dies schafft gefährliche Fehlanreize. Anstatt Risiken abzusichern, schaffen sie neue.
Michael Douglas, der 1987 im Film „Wall Street“ den Corporate Raider Gordon Gekko spielte, welcher sich zu seinen eigenen Gunsten ohne jegliche Skrupel Insiderinformationen bediente, tritt derzeit erneut als geläuterter Gordon Gekko in einem TV-Spot auf. Darin prangert er den Insiderhandel als kriminellen Akt an und fordert die Banker auf, entsprechende Verdachtsmomente dem FBI zu melden.
Dieser TV-Spot ist Teil einer der grössten Aktionen gegen Wirtschaftskriminalität in der Geschichte der Wall Street. Das FBI hat zurzeit bereits 240 Broker, Trader und Mitarbeiter von Hedge Fonds im Visier. Gerade in der Hedge Fonds-Branche hat sich der Wettbewerb in den vergangenen Jahren stark intensiviert, weshalb es offensichtlich immer schwieriger wird, sich auf rechtmässigem Weg einen Konkurrenzvorsprung zu verschaffen und deshalb Insidervergehen zunehmen. Um es in den Worten von Gordon Gekko zu sagen: „The movie was fiction, but the problem is real.“ Und dies muss der Finanzbranche erst mit Hilfe eines TV-Spots verdeutlicht werden?!
Das Ausmass dieser Insiderproblematik und die Tatsache, dass sich das Justizministerium und das FBI in der Verfolgung dieser Insiderdelikte Unterstützung durch einen solchen TV-Spot versprechen, veranschaulichen, dass die Annahmen der Effizienz und der Selbstregulierung der in der Ökonomie vorherrschenden Theorie der freien Märkte in der Praxis offensichtlich nicht richtig sind. Die bisher weitgehend unregulierte Hedge Fonds-Branche ist mit ihren meist over-the-counter abgewickelten Geschäftstransaktionen zu einer intransparenten, verschwiegenen und von Wirtschaftskriminalität durchzogenen Welt geworden und damit weit entfernt von einem effizienten und sich selbst regulierenden Markt. Obwohl das neoliberale Modell der Chicagoer Schule gegenüber Interventionen des Staates in ökonomische Angelegenheiten sehr skeptisch ist, sind im vorliegenden Fall regulatorische Massnahmen unumgänglich.
Gemäss der Studie „Langfristperspektiven der öffentlichen Finanzen in der Schweiz 2012“ von der Eidgenössischen Finanzverwaltung EFV wird sich ohne Einschnitte bei den Sozialwerken oder hohe Zuwanderungsraten die Schuldenquote der Schweiz von gegenwärtig 40% auf 130% im Jahr 2060 erhöhen. Der Grund dafür liegt in der prognostizierten demographischen Entwicklung. Auf vier Erwerbstätige entfällt heute ein Rentner, bis 2050 wird sich dieses Verhältnis halbieren. Die dadurch repräsentierte Überalterung der Gesellschaft führt zu höheren Gesundheits-, Pflege- und Altersvorsorgekosten und damit zu einem entsprechenden finanziellen Mehraufwand der öffentlichen Hand. Auch wenn die Annahmen dieser prognostizierten Schuldenquote zum Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum sowie zu den demographischen Veränderungen aufgrund ihrer Zukunftsperspektive mit Unsicherheiten behaftet sind, muss diese Entwicklungstendenz in Richtung einer höheren Verschuldungsquote Anlass für proaktive politische Massnahmen geben. Ohne solche Massnahmen, deren Konkretisierung sich bereits seit längerer Zeit schwierig gestaltet – erwähnt sei an dieser Stelle nur die im Jahr 2010 vom Parlament abgelehnte 11. AHV-Revision, würde auch für die Schweiz das prognostizierte Verschuldungsszenario eher düster aussehen. Sie würde im Jahr 2060 verschuldungsmässig fast dem Griechenland von heute entsprechen (vgl. dazu auch http://www.responsiblefinance.ch/2012/01/tatsachliche-verschuldung-in-den-euro-grundungsstaaten-viel-hoher/).
Mit dem Anlagefonds db Kompass Life 3 der Deutschen Bank lässt sich wetten, wie lange Menschen noch leben. Je schneller sie sterben, umso höher der Gewinn. Wir haben bereits im November 2010 einen Artikel mit dem Titel „Wie sich Lebensversicherungsverträge in Wetten auf den Tod wandeln“ im Schweizer Treuhänder und anschliessend auf diesem Blog publiziert (vgl. Link am Ende dieses Beitrags), weil solche Finanzprodukte jeglicher moralischer Grundlage entbehren und unseres Erachtens auf keinen Fall mit einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum vereinbar sind.
Gemäss Spiegel Online, „Verband rügt Todeswetten der Deutschen Bank“ vom 5.2.2012 scheint nun auch der deutsche Bankenverband aufgrund von Kundenreklamationen auf diese Produkte aufmerksam geworden zu sein: „Dies ist mit unserer Wertordnung, insbesondere der in ihrem Mittelpunkt stehenden Unantastbarkeit der menschlichen Würde, kaum in Einklang zu bringen. (…) Ein Gericht müsse die Frage klären, ob die „Wette auf die Lebensdauer eines ausgewählten Personenkreises nicht gegen sich aus unserer Sittenordnung ergebende Verhaltensverbote verstösst.““
Es ist schon sehr bedenklich, dass gewisse Akteure der Finanzindustrie auf diesem Weg zu moralischer Vernunft gebracht werden müssen.
Nicolas Sarkozy qui fustige la finance devenue folle. François Hollande qui en parle comme d’un adversaire sans visage. La dictature des marchés affole le monde politique. Qui sont ces marchés ? Quelle est leur logique ? Nos démocraties font-elles le poids ? Enquête dans TTC.
Interview de Marc Chesney à la TSR, TTC (Toutes taxes comprises), marchés financiers
A study from the research center „Generationenverträge“ of the University of Freiburg arrives at the conclusion that the explicitly reported national debts of the 12 Euro-Foundation States are not correct because to some extent they do not consider future liabilities as e.g. pensions, health and care benefits. From both an accounting and demographic point of view these promised public benefits must not be neglected. If states were subject to the accounting law valid for companies, we would speak about balance sheet manipulation in this case. Greece e.g. had been making window dressing over many years so as to hide its financial grievance. Furthermore the demographic trend in the industrialized countries leads to higher expenses and lower economic growth which has a negativ impact on the debt-to-GDP ratio.
Therefore the study concludes that the explicitly reported national debts account for only a little part of the effective overall debts. In doing so Italy ranks first with an effective debt-to-GDP ratio of 146% before Germany with 192% and Finland with 195%. The three countries with the highest effective debt-to-GDP ratios are Greece with 1017%, Luxembourg with 1116% and Ireland with 1497%. The effective absolute debt of all the 12 Euro-Foundation States amounts to incredible 31.000 billion Euros!
Aus einer Studie des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg über die tatsächliche Staatsverschuldung der 12 Euro-Gründungsstaaten geht hervor, dass die von den einzelnen Ländern ausgewiesenen Schuldenbeträge eigentlich nicht korrekt sind, weil darin zukünftige Verpflichtungen wie z.B. Renten, Gesundheits- und Pflegeleistungen z.T. nicht berücksichtigt sind. Sowohl aus buchhalterischer als auch aus demographischer Sicht dürften diese staatlichen Leistungsversprechen nicht vernachlässigt werden. Würden die Staaten dem für Unternehmen geltenden Buchführungsrecht unterstehen, würde man in diesem Fall von Bilanzmanipulationen sprechen. So hat z.B. Griechenland ja über viele Jahre hinweg Bilanzkosmetik betrieben, um seine finanziellen Missstände zu verbergen. Zudem führt die demographische Entwicklung in den Industrieländern zu höheren Ausgaben und einem tieferen Wirtschaftswachstum, was sich negativ auf die Schuldenquote auswirkt.
Die Studie kommt deshalb zum Schluss, dass die explizit ausgewiesenen Schulden nur einen sehr geringen Teil der effektiven gesamten Verschuldung ausmachen. Italien schliesst dabei mit einer tatsächlichen Schuldenquote von 146% noch vor Deutschland mit einer solchen von 192% und Finnland mit 195% am besten ab. Die drei Länder mit den höchsten tatsächlichen Schuldenquoten sind Griechenland mit 1017%, Luxemburg mit 1116 % und Irland mit 1497% des BIP. Insgesamt beläuft sich die tatsächliche absolute Verschuldung aller 12 Euro-Gründungsstaaten auf unglaubliche 31’000 Mrd. Euro!
Graphik zur tatsächlichen Verschuldung der 12 Euro-Gründungsländer (pdf)
Es ist schon sehr erstaunlich, dass an den Universitäten als denjenigen Institutionen, die für die höhere Ausbildung der Studierenden verantwortlich sind, weiterhin relativ uneingeschränkt die selben ökonomischen Theorien unterrichtet werden wie bis anhin. Dies, obwohl in der Zwischenzeit von weiten Kreisen anerkannt ist, dass das durch diese Theorien hervorgebrachte ökonomische System die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds gebracht hat.
In die Reihen der Studierenden scheint jedoch Bewegung zu kommen. So verliessen in Harvard Studierende eines Ökonomie-Einführungskurses die Vorlesung, weil sie mit der dort vermittelten eingeschränkten ökonomischen Sichtweise nicht einverstanden waren. Ihrem Professor liessen sie folgenden Brief zukommen:
Marc Chesney dénonce «l’excessive taille et complexité des marchés financiers», qui favorisent leur «pouvoir» et leurs «profits». Selon lui, il faut «remettre la sphère financière à sa place (…) pour qu’elle puisse à nouveau jouer son rôle au service de l’économie réelle et de la société».
Das Institut für Banking und Finance (IBF) gründet das Center for Responsibility in Finance (CRF). Das CRF setzt sich mit der interdisziplinären Forschung, Lehre und Weiterbildung des verantwortungsvollen Handelns im Bereich der Finance auseinander. Leitung: PD Dr. Carmen Tanner.