Verantwortung in der Finanzwirtschaft am Beispiel des Schattenbankensystems

Das Schattenbankensystem verkörpert eine Seite des Bankensystems, die nach wie vor relativ im Dunkeln liegt und die Finanzaufsichtsbehörden sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene seit Ausbruch der Finanzkrise sehr stark beschäftigt.

Schattenbanken sind eigentlich wie Wasser; sie haben keine feste Form, sie umfliessen Hindernisse, suchen sich neue Wege und, wenn man versucht, sie zu fassen, so zerrinnen sie. Das Financial Stability Board (FSB) definiert dieses Schattenbankensystem als „(…) system of credit intermediation that involves entities and activities fully or partially outside the regular banking system (…)» (FSB: Global Shadow Banking Monitoring Report 2012, 18.11.2012, S. 6.) Etwas konkreter wurde daraus im Tages-Anzeiger vom 19.11.2012 das Schattenbankensystem wie folgt umschrieben: „Das Schattenbankensystem umfasst alle Finanzintermediäre, die bankähnliche Dienstleistungen erbringen, aber nicht über eine Bankenlizenz verfügen und folglich auch nicht über das Bankengesetz reguliert sind.“ In diesem Sinne gehören aus institutioneller Sicht u.a. Special Purpose Vehicles, Hedge-Fonds, Private-Equity-Fonds, ETFs, Finanzierungsgesellschaften, Teile des Investment-Bankings und des Versicherungsgeschäfts zu diesem Schattenbankensystem. Die von den Aufsichtsbehörden derzeit als zentral erachteten Tätigkeitsbereiche des Schattenbankensystems sind das Verbriefungsgeschäft, die Effektenleihe sowie das Repo-Geschäft.

Aufgrund der stärkeren Regulierung des traditionellen Finanzsektors als Folge der Finanzkrise gewinnt dieses Schattenbankensystem zunehmend an Bedeutung. Gemäss FSB betrugen die totalen Aktiven dieses Systems 2002 noch 26 Bio. $, 2007 61 Bio. $ und 2011 bereits 67 Bio. $. Dies macht immerhin 111% des aggregierten BIPs der USA, des Euro-Raums, Grossbritanniens, der Schweiz, Singapurs, Koreas, Japans, Indiens, Hong Kongs, Chinas, Kanadas, Brasiliens und Australiens aus. Obwohl der Anteil der Schweiz an diesen 67 Bio. $ mit 1.3 Bio. $ nur gerade knapp 2% beträgt, entspricht dies doch 235% des Schweizer BIPs. In Hongkong, den Niederlanden, Grossbritannien und Singapur präsentiert sich das Gewicht der Schattenbanken relativ zum BIP wie folgt: 520%, 490%, 370% und 260%. Die Daten zum Schattenbankenwesen sind aber immer noch zu wenig detailliert, weil z.B. viele Schattenbankinstitutionen in Steuer- und Finanzparadiesen angesiedelt sind, wo den Aufsichtsbehörden keine genauen Daten zur Verfügung stehen. Die Dunkelziffer ist also nach wie vor gross.

Die Risiken des Schattenbankensystems bestehen darin, dass Schattenbanken dasselbe tun wie Banken, aber ohne entsprechende Regulierungen und Sicherheiten. Sie haben kaum Kapital- und Liquiditätsreserven, erhalten im Fall einer Krise keine Hilfe durch die Notenbanken und weisen eine enge Verknüpfung mit dem traditionellen Bankensektor auf, was im Konkursfall zu den gefürchteten Domino-Effekten führen kann. Auf der anderen Seite bietet dieses Parallelsystem Alternativen zu den klassischen Bankeinlagen sowie die Möglichkeit zur Risikodiversifizierung ausserhalb des traditionellen Banksystems, stellt alternative Finanzierungsquellen zur Verfügung und ist stark spezialisiert.

Um diese positiven Funktionen des Schattenbankensystems ohne zusätzliche Erhöhung der Systemrisiken nutzen zu können, muss den damit verbundenen Risiken aber begegnet werden. In diesem Sinne haben sich die Staats- und Regierungschefs der G-20 am Gipfeltreffen in Seoul im November 2010 für die Stärkung der Regulierung und Beaufsichtigung des Schattenbankensystems ausgesprochen. Das FSB hat den Auftrag erhalten, zusammen mit anderen internationalen Standardsetzungsgremien entsprechende Empfehlungen zu entwickeln. Ziel des FSB ist es, die endgültigen Empfehlungen bis im September 2013 publizieren zu können. Zu betonen ist jedoch, dass es sich dabei nur um Empfehlungen und noch um keine rechtlich verbindlichen Vorschriften handelt. Inwieweit, wann und wie koordiniert diese letztendlich in den nationalen Rechtsordnungen umgesetzt werden, ist aber nach wie vor offen und dies doch immerhin bereits fünf Jahre nach dem Ausbruch der Krise. Der Generalsekretär des FSB, Svein Andresen, beurteilt die damit verbundene Gefahr wie folgt: „Das Gedächtnis der Finanzindustrie ist leider kurz. Da sind neue Leute, neue Chancen, die vielversprechend und attraktiv sind und alles beginnt rasch von vorn.“ (In: ECO, 3.12.2.12.) Ausserdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass die endgültigen Empfehlungen des FSB international in Bezug auf Inhalt und Timing so koordiniert in die nationalen Rechtsordnungen umgesetzt werden, dass tatsächlich keine Schlupflöcher mehr existieren, sehr klein. Die Finanzbranche hat bereits in der Vergangenheit jede Möglichkeit zur Regulierungsarbitrage mit sehr grosser Kreativität ausgenutzt. Damit war Geld letztendlich immer schneller als die Regulatoren und wird es in Zukunft wohl auch bleiben. Aus diesem Grund dürften sich die Risiken des Schattenbankensystems allein mit neuen Regulierungen nicht ausreichend begrenzen lassen. Es wäre dringend an der Zeit, dass alle beteiligten Parteien (Kunden, Aktionäre, Verwaltungsräte, Manager, Mitarbeiter, Lobbies, Aufsichtsbehörden und Regierungen) sich nicht nur auf die Verfolgung ihrer persönlichen Interessen konzentrieren, sondern auch ihre individuelle Verantwortung als Teil des Gesamtsystems für das Gesamtsystem übernehmen. Auf diesem Weg sollte das Prinzip „Immer noch mehr“ – Rendite, Wachstum, Einkommen, Macht usw. – hinterfragt und revidiert werden. Im Sinne von „Back too the roots“ sollte sich die Finanzbranche mit all ihren Parteien Gedanken machen über: Einfachheit, Transparenz und ein gewisses Mass an Selbstbeschränkung.

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