Revolution in der Ökonomie

Der von der Post-Crash Economics Society im April 2014 publizierte Bericht mit dem Titel „Economics, Education and Unlearning: Economics Education at the University of Manchester“ beginnt mit einem interessanten Vorwort zum Thema „Revolution in der Ökonomie“ von Andrew Haldane, dem Executive Director für Finanzstabilität der Bank of England.

Ausgehend von Adam Smith und seinem 1776 erschienen Werk „The Wealth of Nations“ weist Haldane zunächst darauf hin, dass die fundamentalen Theoreme der Wohlfahrtsökonomie auf Smiths Schultern entwickelt wurden und die theoretische Grundlage der Ökonomie des 20. Jahrhunderts darstellten.

Vor dem Hintergrund der Finanzkrise scheint dieses Fundament jedoch nicht länger tragfähig zu sein. Ungezügelte Konkurrenz und Gier bis zum Exzess, allen voran im Finanzsektor aber auch anderswo, haben der Gesellschaft insgesamt geschadet. Die von Adam Smith propagierte „unsichtbare Hand“ hätte über die Verfolgung der Eigeninteressen von einzelnen Individuen bzw. diesen Individuen in Unternehmen eigentlich zu einem optimalen Ergebnis für die Gesellschaft als Ganzes führen sollen. In Tat und Wahrheit hatte sie jedoch den grössten Verlust des globalen Einkommens seit den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts zur Folge. Die auf dieser Grundlage entwickelten ökonomischen Modelle haben sich also gerade in Krisensituationen, die für die Gesellschaft von grösster Bedeutung sind, nicht bewährt.

Aus diesem Grund ist es gemäss Haldane an der Zeit gewisse dieser Grundsteine der Ökonomie zu überdenken. Adam Smith hat 1759 – also noch vor „The Wealth of Nations“ – ein Buch mit dem Titel „The Theory of Moral Sentiments“ publiziert, in dem er Kooperation im Unterschied zu Konkurrenz als Weg zur Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse betonte. Studien zur Entscheidungsfindung in sozio-ökonomischen Systemen im Rahmen der experimentellen Forschung zeigten denn auch die zentrale Bedeutung von Fairness und Reziprozität im Gegensatz zu Eigeninteresse. „This is hardly a surprising conclusion for sociologists and anthropologists. But for economists it turns the world on its head.” (Andrew Haldane: The Revolution in Economics, in: Economics, Education and Unlearning: Economics Education at the University of Manchester, April 2014, S. 5.)

Gerade darin sollte die Ökonomie jedoch ihre Chance sehen und sich mit Hilfe der Erkenntnisse anderer Disziplinen wie z.B. der Psychologie, Anthropologie, Soziologie, Philosophie, Geschichte usw. zu erneuern versuchen. Es ist die Pflicht der Universitäten und Hochschulen diese Erneuerung im Rahmen von Forschung und Lehre zu initiieren, stetig voranzutreiben und über ihre Absolventen letztendlich in die Praxis einfliessen zu lassen.

Neben anderen Projekten haben wir in diesem Sinne am Lehrstuhl von Prof. Marc Chesney in Kooperation mit dem Center for Responsibility von Prof. Carmen Tanner im Frühlingssemester 2013 eine sich jährlich wiederholende neue Vorlesung zum Thema „Verantwortung in den Finanzmärkten: Eine interdisziplinäre Perspektive“ lanciert. Diese Veranstaltung steht allen Interessierten offen und soll nicht nur der Vermittlung interdisziplinären Wissens sondern auch der offenen interdisziplinären Diskussion dienen und damit zu eben dieser Erneuerung der Ökonomie beitragen.

Programm zur Vorlesung „Verantwortung in den Finanzmärkten: Eine interdisziplinäre Perspektive“ 2014 (pdf)

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